Interview mit Bischof DDr. Klaus Küng
von Aron SaringerAm 10.11.2006 war es demKONZEPT im Langschläger Waldviertlerhof möglich, ein Interview mit dem St. Pöltner Bischof DDr. Klaus Küng zu führen.
Ein Gespräch mit einem hohen Vertreter der Kirche war uns mit einer Gottkarikatur auf der Titelseite selbstverständlich wichtig. Klaus Küng, ein Mitglied des nach den Romanen von Dan Brown umso bekannteren „Opus Dei“, folgt seinem umstrittenen Vorgänger Kurt Krenn im Amt nach. Das Interview geht an die Substanz: Einmal steht es sogar vor dem endgültigen Abbruch, obwohl wir zum ersten Mal überhaupt eingewilligt haben, die Fragen im Vorhinein einzusenden. Verständlich, greift dasKONZEPT doch im Laufe des Gespräches viele der Themen auf, die für die römisch - katholische Kirche nicht immer nur angenehm waren und sind.Wir haben ein wenig in ihrer Biographie gestöbert. Beeindruckend ist die Tatsache, dass Sie vor Ihrem Studium der Theologie noch Medizin studiert haben. Immer wieder stehen Naturwissenschafter gewissen Ansichtspunkten des Vatikans gegenüber. Kennen Sie diesen Konflikt?
In Wirklichkeit ist das, was wahr ist, nie ein Gegensatz zu dem, was uns Gott mitgeteilt hat. Und ich persönlich hatte damit nie eine Schwierigkeit. Mir ist es immer wichtig in der Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Fragen auch die tieferen Perspektiven mitzubedenken. Nur dann kommt man gerade in der Medizin zu den Schlussfolgerungen, die wichtig sind.
Da gab es ja vor einiger Zeit einen Konflikt als Kardinal Schönborn Darwins Evulotionstheorie in Frage stellte.
Ich glaube, dass diese Diskussion von großer Bedeutung ist. Bei allen Dingen, die die Naturwissenschaft hat, wird immer klar, dass man die Dinge in der Welt mit ihr nie voll erklären kann. Irgendwo gibt´s einen Anfang, dessen genauen Ablauf auch die Naturwissenschaft nicht so genau kennt. Das sind mehr Hypothesen. Die beste Erklärung gibt Gott und ich würde sogar meinen, je mehr man sich vertieft auf die einzelnen Fragen, umso näher kommt man auf das Geheimnis, dass unserer Erklärung entgeht. Die beste Erklärung ist Gott.
Der soeben zurückgetretene Nationalratspräsident Andreas Khol trat immer für einen Gottesbezug in der österreichischen Verfassung ein. Wie stehen Sie dazu?
Ich stehe zu dem positiv. Ich glaube, dass dieser Gottesbezug wichtig ist, gerade auch um bewusst zu machen, dass der Mensch nicht einfach tun und lassen kann, was er will, wenn er sich nicht schaden will. Im Menschen selbst und in der Schöpfung gibt es gewisse Gesetzmäßigkeiten, die wir nicht selber finden können, sondern die letztlich vom Schöpfer her die letzte Erklärung bekommen und wir wissen, wie katastrophal es sein kann, wenn die Menschen ohne Gott die Dinge lösen. Wir haben so manche düsteren Zeiten hinter uns. Da denke ich an den Nationalsozialismus, aber auch an die radikalen Formen des Kommunismus, wo man gemeint hat, man kann ohne Gott die Dinge lösen.
Der Religionsunterricht ist als einziges Fach nicht von den letzten Stundenkürzungen betroffen. Warum wird immer noch so am Religionsunterricht festgehalten?
Ich glaube, dass in Wirklichkeit die Stundenzahl gering ist. Man lernt so viele Einzelheiten.
Andere Fächer wie beispielsweise die künstlerischen Fächer Musik und Zeichnen sind doch bestimmt auch wichtig...
Ich glaube, dass es für jeden Menschen – auch für den, der nicht glaubt – wesentlich ist, sich mit verschiedenen Fragen zu befassen, die seine Verantwortung und seine Aufgabe betreffen. Und das geschieht im Religionsunterricht und für diejenigen, die nicht glauben, sollte es meiner Meinung nach ein Ethikunterricht sein.
Heißt das, Sie treten für einen unabhängigen Ethikunterricht ein?
Nein! Ich bin für den Religionsunterricht für alle Katholiken, aber ich glaube auch, dass solche, die keiner Religion angehören, unbedingt erkennen sollten, dass sie eine Verantwortung haben, dass es gewisse Spielregeln in der Bevölkerung gibt, deren Einhaltung wichtig ist für die Entwicklung der Gesellschaft und für den Schutz des Einzelnen und der Freiheit und auch für das Gemeinwohl, das für alle wichtig ist.
Die Kirche gilt ja immer noch als moralische Instanz...
Die Kirche bringt uns vor allem auch die ganze Gottesfrage näher, die meiner Ansicht nach die grundlegende ist. Sie macht uns die Gottesfrage bewusst, welche ja die Zielsetzung und die Erkenntnis hat, dass der Egoismus eine große Gefahr ist für die Entstehung einer tragfähigen und zwischenmenschlichen Beziehung. Man kommt drauf, dass diese verschiedenen Normen eine große Bedeutung haben, wie Wegmarkierungen, die hinaufführen zum Gipfel. Wenn man diese nicht beachtet, fällt man unter Umständen über eine Felswand.
Das ist Teil der Frage. Die Kirche vertritt gewisse Normen, die großteils allgemein anerkannt sind. Sie haben ja in St. Pölten ein sehr schweres Erbe angetreten. Es hat vor ihrer Amtsübernahme einige skandalöse Ereignisse gegeben, die so gar nicht zu Ihren Normen passen. Wie können Sie sich das erklären, gerade in einem Priesterseminar müsste man das je eigentlich am wenigsten erwarten?
Ich glaube, das ist relativ einfach zu erklären: Wir alle sind Menschen, auch jene, die an Christus glauben sind Menschen und können irgendwann schwach werden. Es wäre ein falsches Verständnis dessen, was die Kirche ist, wenn man meint, alle sind erhaben über die Schwierigkeiten des Lebens. Natürlich können auch Fehlverhalten vorkommen, wobei ich
schon auch bemerken möchte, nicht nur in St. Pölten, sondern auch anderswo.
Vorfälle, die mit Pädophilie in Verbindung stehen, sind doch in der römisch - katholischen Kirche auffallend häufig, so sagen auch Studien.
Ich glaube, das müsste man zuerst einmal beweisen. Das, was in unserem Land ein sehr großes Problem ist, sind Vorfälle in den Familien. Vor allem bei nicht regulären Verhältnissen ist es so. Schauen Sie sich einmal die Gerichtsakten durch, dann werden sie merken, Priester sind Gott sei Dank bei uns ganz seltene Fälle. Und das in St. Pölten war ja kein Kindesmissbrauch, das war Kinderpornographie.
Es gibt immer Menschen, die sich über die römisch - katholische Kirche lustig machen bzw. dieselbe als Stoff für unzählige Karikaturen nutzen. Bestes Beispiel: Manfred Deix. Kennen Sie Werke dieses Karikaturisten und was halten Sie davon?
Ich kenne seine Werke - kann man ja nicht übersehn. Ich halte es für äußerst wichtig, irgendwo auch eine Ehrfurcht vor allem was heilig ist zu haben, aber auch vor der Person an sich, ohne jetzt speziell zu ihm Stellung zu beziehen. Ich glaube, dass Hohn und Spott oft Verletzungen der persönlichen Integrität darstellen und ich glaube, dass es sehr wichtig ist, vor allem bewusst zu machen, dass eben diese Achtung vor dem Anderen und ganz besonders jenem, was ihm heilig ist, respektiert werden muss.
Wie stehen Sie zu dem Argument, dass die Karikatur aber auch das Kabarett Formen der Meinungsfreiheit sind? Es ist zum Beispiel interessant, dass Deix, der sehr rau vorgeht, weniger Probleme bekommt, als Haderer. (Der Karikaturist Haderer musste sich in Griechenland wegen Jesus Karikaturen vor Gericht verantworten, Anm. der Redaktion)
Das sind oft momentane Verhältnisse. Ich glaube aber, dass Hohn und Spott ganz gefährliche Waffen sind. Ich denke da vor allem an den Nationalsozialismus. Wie man da Menschen verhöhnt hat, wie man sie mundtot gemacht hat. Man hat ein Recht auf guten Ruf.
Wie würden Sie denn auf Gott- bzw. Jesuskarikaturen reagieren?
Empfindlich. All das, was heilig ist, verdient in besonderer Weise Ehrfurcht, und ich glaube, das ist eine Tugend, die wir heute von Neuem lernen sollten. Schon als Ausdruck der Kultur. Das ist meine persönliche Überzeugung. Man soll gerade das, was dem anderen wichtig ist, achten. Das ist auch eine Frage der Kultur der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Ist Ihnen eine Mosche gleich heilig wie eine Kirche?
Auch das scheint mir ein Anliegen zu sein. Für jeden Moslem ist die Mosche auch etwas Heiliges und ich denke, mit Recht verlangen sie diesen Respekt und sind uns da auch Beispiel. Wir täten gut daran, auch diesen Respekt für Christus, für Gott, für die Kirche einzufordern.
Sie werden als „entschiedener Gegner der Abtreibung und der Empfängnisverhütung“ bezeichnet. Würden sie das unterschreiben?
Ja, das ist richtig, nur muss man differenziert über dieses Thema sprechen. Das Leben des Menschen ist von seinem Beginn bis zu Tod der höchste Wert, den ein Mensch besitzt und verdient dabei unsere volle Achtung. Auch der Einzelne kann über sein Leben nicht einfach verfügen, sondern es ist ihm etwas anvertraut worden
Wie stehen Sie zur derzeitigen österreichischen Rechtslage bezüglich Abtreibung (Fristenlösung: Binnen der ersten 3 Monate ist die Abtreibung straffrei, Anm. der Redaktion)?
In Bezug auf Euthanasie ist bis jetzt zum Glück ein Konsens der Parteien gegeben, dass das nicht gebilligt wird, hoffentlich bleibt das auch so; ich habe da so meine Sorgen. In Bezug auf Lebensschutz in Zusammenhang mit dem Beginn des Lebens gibt es leider große Lücken. Ich sehe nicht ein, dass ein Kind in den ersten Monaten eigentlich keinerlei Lebensrecht hat. Das ist sehr traurig.
Gilt das für Sie auch bei Fällen von Vergewaltigung?
Auch bei Vergewaltigung, wenn ein Kind entsteht, dann kann das Kind ja nichts dafür, ich kann nicht deswegen ein Todesurteil über das Kind sprechen. Natürlich liegt ein großes Unrecht vor und eine Frau hat das Recht sich zu schützen und braucht Beistand.
Wo beginnt ihrer Definition nach das Leben? Sie sind ja auch Gegner der Empfängnisverhütung. Ist auch Sperma menschliches Leben?
Sperma ist die Keimzelle des Mannes. Es benötigt noch die Eizelle der Frau, das ist noch kein Leben. Leben entsteht dann, wenn sich eine Eizelle mit einer Samenzelle verbindet und daraus kann ein Kind aber auch zwei Kinder entstehen. Und das, was wirklich an erster Stelle zu schützen ist, ist wenn ein Mensch entstanden ist. Die Keimzellen sind zwar kein Mensch, aber zur Integrität des Menschen gehören sie und man soll nicht mit ihnen handeln. Deswegen verurteile ich die Empfängnisverhütung. Die Kirche bejaht und ich bejahe Geburtenregelung. Das heißt ein Ehepaar hat die Aufgabe, selbst über die Kinderzahl zu entscheiden. Es gibt manchmal die Situation, auf weitere Kinder zu warten oder zu verzichten. Das wird durchaus akzeptiert. Wichtig ist die Frage, wie die Empfängnisregelung betrieben wird. Es gibt die natürliche Empfängnisregelung, die durchaus legitim ist, auch von der Kirche aus, die natürlich voraussetzt, dass beide Verantwortung tragen, dass Mann und Frau darüber reden, ich glaube, dass ist auch der richtige Weg. Dann gibt es andere, die letztlich dazu führen, dass die Gefahr besteht, dass die geschlechtliche Hingabe nicht mehr das ist, was sie eigentlich sein soll. Ganz abgesehen davon, dass manche Methoden der Verhütung auch abtreibende Wirkung haben, wie beispielsweise die Pille danach. Diese ist nicht nur verhütend, sondern auch abtreibend. Andere haben beide Wirkungen. Es ist auch eine Frage, dass die volle Hingabe eines Mannes an eine Frau beim Geschlechtsverkehr durch die Verhütung den Charakter der Hingabe verliert. Es gibt also Gründe, weswegen die Verhütung nicht zu bejahen ist. Eine andere Frage ist die Einnahme der Pille aus therapeutischen Gründen.
Wie stehen Sie zu Kondomen?
Auch diese sind Verhütungsmittel, die dem Geschlechtsverkehr diesen Charakter der Hingabe nehmen und in dem Sinn ist das auch kein akzeptabler Weg.
Wie kann man das in Ländern, deren AIDS-Rate bestürzend hoch ist, praktizieren?
AIDS-Krankheit, das ist ein ganz großes Thema. Kondome sind nur ein relativer Schutz, schützen den Mann besser als die Frau, sind also nur ein relativer Schutz - nicht nur weil einmal der Gummi platzen kann, sondern da gibt es bei der Herstellung auch gewisse Fehlerquoten und das ist lebensgefährlich. Eine wirksame Bekämpfung von AIDS wird nie darin bestehen, dass man einfach Kondome verteilt und man muss sich vor allem bewusst sein, dass der beste Schutz eheliche Treue ist, dass man nicht mit irgendjemandem Geschlechtsverkehr hat, den man nicht kennt, weil das eben gerade dann dazu führt, dass dadurch AIDS verbreitet wird.









