„Darf ein Medium das überhaupt machen?“
von Markus FüxlEin Gespräch mit Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins "profil". Ein Gespräch mit Christian Rainer.
Das Konzept: Welche Zeitungen lesen Sie privat neben dem profil?Christian Rainer: Du glaubst ich lese das profil? (lacht) Ich würde das profil jetzt wieder lesen, es gab, glaube ich, Zeiten, in denen ich nicht alles gelesen hätte. Also ich lese gezwungenermaßen alle österreichischen Tageszeitungen und regelmäßig erscheinende Magazine, wobei „lesen“ dann meistens durchblättern“ heißt, richtiges Lesen ist das nicht.
Freiwillig lese ich gerne „Car“, eine englische Autozeitung, und würde wahrscheinlich die Süddeutsche lesen... Aber deine Frage ist insofern eine spannende Frage, weil man sich durch diesen Informationsfluß, sei es durch elektronische Medien oder durch Tageszeitungen, man sich wieder ganz neu definieren muss, bzw. sich die Chefredakteure überlegen müssen: „Was kann in einem Magazin eigentlich stehen?“ Ich versuche zum Beispiel in einer Redaktionssitzung zu fokusieren, dass man den Geschichten eine These gibt; dass sie überraschend ist und auch stimmt! Der Grund ist einfach dieser Informationsfluß, der dazu führt, dass die reinen Fakten ohnehin schon bekannt sind. Deshalb versuchen wir auch, dass wir der Geschichte einen Drall, eine These geben, was kein Widerspruch dazu ist, dass Sie nicht informativ wäre, aber dadurch bekommen die Geschichten eine Interpretation hinein. „Was kann den Leser interessieren? Was wird gelesen?“ Sich das zu überlegen ist die Aufgabe des Redakteurs, denn wenn jemand fünf mal hintereinander ein Magazin liest und es steht keine spannende Geschichte darin, dann wird er es nicht mehr kaufen.
profil ist ja nicht die erste Zeitung für die Sie arbeiten - Sind sie beim profil glücklicher als beim Falter?
profil ist sicherlich der journalistische Traumjob. Ich arbeite jetzt schon seit fast elf Jahren beim profil und wann immer ich sage „Ich bin gelangweilt auf sehr hohem Niveau“, dann denke ich mir was ich täte, wenn ich den Job nicht hätte.
Der Falter ist sicher eine gute Stadtzeitung, die aber regelmäßig versucht das profil zu sein. Das liegt unter anderem daran, dass viele Falterredakteure gerne eigentlich profil machen würden. Mein Konzept ist jetzt nicht den Falter zu kritisieren, aber es wundert uns alle immer wieder, wenn eine Stadtzeitung ähnlich aufgebaut ist wie das profil, nämlich mit Politik anzufangen anstatt mit einem Stadtthema, mit dem üblicherweise eine Stadtzeitung angefangen wird...
Gibt es Schattenseiten im Journalismus?
Meine Mitarbeiter würden wahrscheinlich „Ja“ sagen, denn man verdient wenig für den Zeitaufwand, den man betreibt. Dann ist die Schattenseite für manche, dass die Möglichkeiten, viel Geld zu verdienen, sehr schmal sind. Da würde man als Minister zum Beispiel mehr verdienen, nur ist unser Job viel spannender und abwechslungsreicher.
Was gibt es sonst noch für Schattenseiten? Naja, ich sehe es nicht als „Schattenseite“, aber wenn du dir die Redaktion so anschaust, liegt die Anzahl der Verheirateten in keinem Verhältnis zum Schnitt der Bevölkerung, selbst der Anteil der in längerfristigen Beziehungen Lebenden dürfte weit unter dem Schnitt liegen. Wenn man es als Schattenseite bezeichnen würde, müsste man vermutlich sagen, dass das Privatleben viel zu kurz kommt. Ich sehe das aber nicht als Schattenseite an. Ich habe zwei Kinder, die bei ihrer Mutter leben, und die sehe ich auch nicht seltener wenn ich nicht bei der Zeitung arbeiten würde.
Ja, zu den Zukunftsaussichten: Es wird einem heutzutage sehr ans Herz gelegt, sich darüber Gedanken zu machen, Journalist zu werden. Überlegt es euch sehr gut, ob ihr das wirklich wollt. Wenn ihr überzeugt seid, dann macht es, aber ich sehe das eher als ein schmäler werdendes Segment in der Landschaft „Zeitung“.
Für mich persönlich gibt es eigentlich keine Schattenseiten, ganz im Gegenteil. Du hast zum Beispiel Zugang zu Menschen, die du nur aus dem Fernsehen kennst, und siehst, dass sie eigentlich keine interessanten Menschen sind. Das ist auch ein Zugehen auf Augenhöhe. Wenn du in einem Kabinett eines Ministers sitzt, hast du zwar Berührungen mit dieser Welt, aber da bist du nicht auf Augenhöhe, sondern ein Taschlträger deines Chefs. Hier bei uns gibt es so etwas nicht...
Im profil wurden einmal die Neuwahlpläne der ÖVP veröffentlicht. Gibt es rechtliche Probleme bei einigen Artikeln oder sind einige Themen einfach Tabu..?
Das sind eigentlich zwei unterschiedliche Fragen... Die rechtliche Seite: Wir lassen sehr viele Artikel von unserem Anwalt auf Klagbarkeit überprüfen und ich spreche meistens mit den entsprechenden Personen, wenn es rechtliche Probleme gibt. Das wird relativ genau abgecheckt. Darüber hinaus habe ich selbst Jura studiert und mit der Zeit bekommt man auch einfach ein Gefühl dafür, was rechtlich haltbar ist und was nicht. Große Pannen passieren nur mehr selten, das heißt die Kosten, die dann vor Gericht abgezogen werden, halten sich in Grenzen.
Die andere Frage war „Gibt es Tabus?“ und „Was schreibt man nicht, weil es Tabu ist?“ Beim profil schreiben wir eigentlich keine Geschichten, die sich auf das Privatleben beziehen, seien es jetzt Scheidungen, Schwangerschaften undsoweiter. Da sind wir sehr zurückhaltend und viele Geschichten, die in „News“ oder „Die Presse“ geschrieben worden wären, gibt es bei uns nicht.
Dann gibt es eine zentrale Frage, auf die du jetzt wahrscheinlich gleich gekommen wärst: Wie sind wir mit Jörg Haider und mit der Frage umgeangen, wie sein sexuelles Privatleben ausgeschaut oder nicht ausgeschaut hat. Das hat so ausgesehen, dass wir niemals schwul oder bi geschrieben haben, selbst wenn wir es gewusst hätten. Da ist aber das profil ein wirkliches Ausnahmemedium. Ich gehe davon aus, dass „News“ und sogar „Die Presse“ es geschrieben hätten, falls es dafür Beweise gegeben hätte. Die Tatsache ist aber, dass es keine Beweise gab. Es gab zwar viele Recherchen, Journalisten wurden bis nach New York, Kanada und Norditalien geschickt ,um zu schauen, ob Jörg Haider dort irgendwie „zu Gange“ war. Es wurde viel recherchiert, aber wir hätten es nicht geschrieben. Wann immer jemand kam und gesagt hat „Ich kenne wen, der was mit dem Haider gehabt hat“ und du weiter recherchiert hast, hat es einfach nicht gestimmt.
So, wie war das jetzt NACH dem Tod... Es ist immer noch ein Grenzgang, den man unternimmt, wenn man eine Geschichte macht, wie sie bei uns am Cover gestanden hat: „Haider und der Sex“. Meine Begründung ist die, dass Stefan Petzner mit der Art, wie er mit der Situation umgegangen ist, alle Grenzen zu Fall gebracht hat. Als er sich da geoutet hat als ein ehemaliger Liebhaber von Jörg Haider, wurde dann die Frage deutlicher, warum man die Geschichte schreiben musste. Dass Jörg Haider in einem einschlägigen Lokal in Klagenfurt war und sich dort so betrunken hat, dass andere Leute bei dem Unfall auch zu Schaden hätten kommen können. Hätte man es deshalb schreiben müssen?- Ich glaube nicht. Wenn Stefan Petzner nicht gekommen wäre, hätten wir „Haider und der Sex“ gar nicht geschrieben.
Ob Jörg Haider sein bisexuelles Privatleben auch wirklich ausgelebt hat? Ich bin einer der wenigen, der daran noch zweifelt; ich weiß es nicht.
Ich habe Jörg Haider auch privat gefragt und er hat die Frage immer wieder lachend dementiert.
Kein Tabu ist für mich zum Beispiel die Frage: „Welche Fotos darf man zeigen?“ Wir hatten nach dem Tsunami eine Titelgeschichte, in der man drei Leichen in einem Seitenarm gesehen hat. Das war eine unglaubliche Diskussion: „Darf ein Medium das überhaupt machen?“ Es gab hunderte Leserbriefe, was das eigentlich für eine Sauerei sei, dass man Tote auf der Titelseite sieht. Ich sehe das Problem nicht, da es anonyme Menschen waren, deren die Verwandten diese Bilder nie sehen werden. Diese Diskussion habe ich nicht verstanden und ich würde diese Bilder immer wieder veröffentlichen.
Anhand der Krone sieht man die Eingriffe der Politik ins Printmedium.- Gibt es solche politischen Eingriffsversuche beim profil auch?
Ich würde eher umgekehrt sagen: Bei der Krone ist es der Eingriff der Zeitung in die Politik. Man kann es so oder so sehen, es ist durchaus ein Zusammenwirken.
Politik versucht immer wieder auf Medien Einfluss zu nehmen. Diese Versuche waren vor 20 Jahren sicher schlimmer als heute. Zum Teil ist das ein Versuch der Einflussnahme, die von den finanziellen Möglichkeiten der Partei bestimmt wird, weil politische Parteien nicht nur in Wahlkampfzeiten über die österreichischen Bundesbahnen Anzeigen schalten können, sondern auch indirekt, wie z.B. der damals zuständigen Minister Faymann, der über das Infrastrukturministerium angewiesen hat, in bestimmten Medien, unter anderem „Die Krone“, Inserate zu schalten. Hier sieht man, dass es eine finanzielle Macht gibt. Es gibt Medien, bei denen die Politik durchkommt, beim Profil wurde bis jetzt deswegen kein einziger Beistrich geändert.
Wie ist ihre Ansicht zu der Richtung, in die das Medium Zeitung geht?
Heute muss man sich sehr stark darauf konzentrieren, Geschichten, bei denen die Fakten schon bekannt sind, eine neue Interpretation zu geben und auch Meinungen dazu zu liefern. Diese Entwicklung hat sich durch das Internet sehr stark beschleunigt und damit auch die Reaktion, die man als Printmedium haben muss.
Die andere Frage ist jetzt: Wie sieht es jetzt mit dem veränderten Mediennutzungsverhalten aus?
- Ich weiß es nicht. Vor ein paar Jahren hat es jeder gewusst und jeder hat gesagt, dass es keine Zeitung mehr geben wird, da sie von Onlineplattformen übernommen werden- jetzt weiß es niemand mehr. Meine Meinung ist, dass eher die Tageszeitung ein Problem haben wird. Der Michael Fleischhacker von der Presse sieht es anders; er sagt: „Ihr als Magazin seid so langsam, ihr habt überhaupt keine Chance, wir haben das alles schon geschrieben, was ihr als Magazin machen könnt.“ Ich antworte darauf: „Du, lieber Michael, kannst kein Magazin machen, weil du ein Tageszeitungsjournalist bist und das ist ein anderes Produkt.“ Vor allem aber wird die Finanzierung von Tageszeitungen ein Problem sein, weil die Tageszeitungen auch nicht mehr die schnellsten Nachrichten bieten, das macht das Radio oder das Internet. Dazu kommt, dass man fast sieben Mal in der Woche Wälder abholzen muss, um Papier zu produzieren. Man muss Erdöl fördern, um Farben zu gewinnen und um den Vertrieb der Zeitung durch Autos bis ins letzte Tal zu finanzieren, und das sind ganz andere Finanzierungsstrukturen als du bei einem Magazin hast.
Ich glaube an gut gemachte Tageszeitungen, aber nicht daran, dass alle überleben werden...
Danke für das Gespräch.
Was, das war‘s schon?









