Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Der Tod des Demonstranten

von Bernadette Redl

Der deutsche Germanistikstudent Benno Ohnesorg wurde am 2. Juni 1976 aus unerklärlichen Gründen von dem Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen.

Seit der Festnahme von elf Mitgliedern der Kommune I im April 1967, war das Verhältnis zwischen den Studenten und der Polizei in West-Berlin äußerst angespannt.
Der Sozialistische Studentenbund organisierte seit Mai Veranstaltungen gegen den Staatsbesuch von  Mohammad Reza Pahlavi, dem Schah von Persien. Benno Ohnesorg besuchte am 1. Juni den Vortrag eines Exil-Persers im Audimax der Freien Universität (FU), bei dem dieser von der undemokratischen Regierungsweise des Schahs erzählte. Benno beschloss daraufhin an den Protesten am kommenden Tag teilzunehmen. Am 2. Juni in der Früh forderten dann 400 Demonstranten mit lauten Rufen Amnestie für politische Gefangene in Persien. Unerwartet jedoch griffen auf einmal zivil gekleidete Mitarbeiter des persischen Geheimdienstes SAVAK und bezahlte Schahanhänger die Demonstranten mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren an und verletzten Dutzende von ihnen, einige schwer. Die Polizei griff in die cirka dreißig Minuten dauernde Prügelei nicht ein und versicherte dem damaligen Bürgermeister Heinrich Albertz, dass sich diese Schlägereien am Abend nicht wiederholen werden. Der Schah sieht an diesem Abend die „Zauberflöte“ in der Berliner Oper. Aufgrund der Vorfälle  am Morgen, beschlossen sogar viele Augenzeugen am Abend an erneuten Protesten teilzunehmen. Wieder dabei waren auch Benno Ohnesorg und seine Frau Christa. Die Polizei lässt zu, dass sich die Demonstrierenden auf der Straßenseite gegenüber der Oper versammeln. Die Polizei kesselt die Demonstranten wie in einem Schlauch ein. Nachdem der Schah in die Oper gelangt ist, beginnt die Polizei eine wilde Knüppelei. Die Demonstranten sind im Schlauch gefangen. Einzelne werden über die Absperrungen gezerrt und vor allen Augen verprügelt. Die Meldung, ein Polizist sei erstochen worden, heizt die Stimmung auf - sie wird über Stunden wiederholt, obwohl sie falsch ist. Immer wieder werden Demonstranten von Polizisten malträtiert. Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz und sein Innensenator sind in der Oper und werden nicht über den Einsatz informiert. Langsam bewegen sich die Demonstranten in Richtung Krumme Straße. Um sie festzunehmen, setzt die Polizeiführung nun Beamte in Zivil ein, die ihre Dienstwaffe tragen. Einer dieser „Greifer“ ist der Polizist Karl-Heinz Kurras. Ein Student läuft, verfolgt von Polizisten, in den Hof des Hauses Krumme Straße 66. Dort geht auch Ohnesorg hin. Die Polizei erobert den Hof und während die Demonstranten hinauslaufen, ist Ohnesorg einer der Letzten im Hof. Während mehrere Polizisten auf ihn einschlagen und ihn festhalten, fällt ein Schuss. Der Student bricht zusammen, doch die Polizeibeamten schlagen weiter. Erst dann erkennen sie, dass ihr Kollege dem Mann in den Kopf geschossen hat. Ein Arzt, der nach dem Schuss Erste Hilfe leisten will, wird von einem Polizisten nicht durchgelassen. Eine Frau legt Ohnesorg sein Transparent mit der Aufschrift „Autonomie für die Teheraner Universität“ unter den Kopf. Der gerufene Krankenwagen irrt fünfundvierzig Minuten durch die Stadt, bis der schwerverletzte Ohnesorg ins Krankenhaus gebracht wird, wo er dann schlussendlich stribt.
Karl-Heinz Kurras behauptet vor Gericht, er habe in Notwehr gehandelt. „Wenn ich gezielt geschossen hätte, wie es meine Pflicht gewesen wäre, wären mindestens 18 Mann tot gewesen“, prahlt der Schütze später. Doch seine Aussage, es sei Notwehr gewesen, widerlegen etliche Zeugen später. Ein neun Jahre alter Junge berichtet, dass er vom Küchenfenster aus sah, wie ein Mann Ohnesorg erschoss. Seine Aussage wird als „unglaubwürdig“ gewertet. Das Gericht unterdrückt zudem den Tonbandmitschnitt eines Redakteurs des Süddeutschen Rundfunks. Eine Minute nachdem ein Schuss fiel, ist in der Aufzeichnung ein Mann zu hören: „Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!“ Obwohl der Richter befindet, dass Kurras „in vielen Dingen die Unwahrheit gesagt hat“, wird der Polizist freigesprochen.

Am 3. Juni wollen die Studenten vor dem Rathaus eine Trauerkundgebung durchführen. Nachdem ein Polizeiaufgebot dies jedoch verhindert, versammeln sich nach und nach über 6.000 Trauernde auf dem FU-Gelände zu einem Sitzstreik. Während der Hochschulrektor die Polizei ruft, um die Versammlung gewaltsam aufzulösen, öffnet der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Prof. DDr. Wolfgang Wetzel den Studenten die Hörsäle. Einen Räumungsbefehl für diese Säle zieht Heinrich Albertz dann kurzfristig zurück.

1971 schafft der Bildhauer Alfred Hrdlička das Bronzerelief „Der Tod des Demonstranten“, das erst 1990 vor der Deutschen Oper aufgestellt werden darf.

Der Tod des Demonstranten - Bild Friederike Hausmann versucht vergebens Benno Ohnesorg zu helfen. Heute ist sie deutsch Autorin und Übersetzerin