Mein Ausflug ins Erwin-Land
von Bernadette RedlErwin Pröll, Landeshauptmann und Spitzenkandidat der ÖVP kam am 28. Februar zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Zwettl.
Es ist 17.30 Uhr an diesem Donnerstag und ich versuche um das Gelände der Viehversteigerungshalle einen Parkplatz zu finden. Busse blockieren die Straße und der nächste freie Parkplatz ist meilenweit vom riesigen Festzelt entfernt. Um 17.45 Uhr trifft sich der Musikverein zum feierlichen Empfang des Erwin Pröll vor dem Zelt. Mit meiner Klarinette mache ich mich auf den Weg. Um 18.30 Uhr soll er kommen, der große Mann. Eine Stunde lang spielen wir in Eiseskälte ein Musikstück nach dem anderen. Alles hier ist mit Wahlplakaten zugepflastert. Ein überdimensional großer, mondähnlicher Luftball schwebt über dem Zelt. Tausende Menschen steigen auch aus unzähligen Bussen aus und gehen an uns vorbei. Wie groß kann so ein Zelt sein, frag ich mich. Um 19.10 Uhr die Nachricht: Der Herr Pröll wird wohl erst um 20 Uhr oder noch später kommen. Eine Stunde war ausgemacht, eine Stunde spielen wir. Der Musikverein fährt nach Hause. Doch nicht so feierlich der „Empfang“ des Landeshauptmannes. Wenig hat diese Konzertstunde auch nicht gekostet. Ich bleibe vor Ort, hab mir fest vorgenommen dieser großen Person ein paar Fragen zu stellen. Kann doch nicht so schwer sein. Er hat später am Abend bestimmt fünf Minuten Zeit für mich. Ich mache mich, wie schon Menschenmassen vor mir, auf den Weg in das Innere des Zeltes. Im Eingangsbereich werden mir Schals, Aufkleber, Fahnen, Süßigkeiten und Karten im „Am-9. März-Erwin Pröll-wählen!“ – Look angeboten. Bevor ich weiter vordringe, werde ich gebeten doch bitte den Eingangsbereich freizuhalten. Ich versuche einen Platz zu finden, an dem ich niemandem im Weg stehe. Eine ältere Frau spricht mich an, sie ist und bleibt nicht die Einzige an diesem Abend. Gefallen tut er ihr der Erwin. Ein so ein freundlicher Mensch sei er und soviel Gutes tut er den ganzen Tag lang. Plötzlich fangen die ganzen Menschen im Zelt an zu singen: „Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los.“ Der Moderator studiert eine Choreografie für das Eintreffen des Erwin ein. Laut singen, die Schals in die Luft halten und die Fahnen schwenken, lauten die Anweisungen. Die Euphorie ist unglaublich. Pensionisten sind kurz davor auf die Tische zu steigen. Ich treffe eine Freundin, die als Kellnerin arbeitet. Acht Euro in der Stunde ist kein schlechtes Gehalt, erzählt sie mir. Sie bietet mir ein Glas Apfelsaft an. Ist eh alles gratis. Verwandte, Bekannte, ehemalige Lehrer, Politiker, Professoren. Ich sehe viele bekannte Gesichter. Bei einigen überrascht es mich mehr, bei den meisten weniger. Ich trinke aus und gehe wieder zurück zum Eingangsbereich. Als ich über die Schwelle trete, werde ich von einer Dame mit blau-gelbem Käppi zurückgestoßen. Fast stolpere ich über einen Mann mit Kamera. Ein älterer Herr hält mich jedoch rechtzeitig an der Jacke. Erst jetzt sehe ich den Grund für die Aufregung. Da steht er schon. Unser Erwin. Fesch ist er. Der Moderator auf der Bühne gibt das Go und los geht es. Der Herr Pröll zieht durch die Menschenmassen, schüttelt Hände und bewegt sich in Richtung Bühne. Endlich vorne angekommen, lauscht die Menge 70 Minuten lang seinen Erläuterungen. Zehn Tage sind es noch bis zur Wahl. Wählen sollen wir gehen und richtig wählen sollen wir, meint er. Als er fertig ist, gehe ich auch zur Bühne vor. Es werden noch Fotos gemacht und bald schon steht der Landeshauptmann bei einem kleinen Stehtisch und gibt Autogramme. Eine andere Frau mit blau-gelbem Käppi weißt mich darauf hin, dass ich mich doch in die Schlange stellen soll, wenn ich auch näher ran will. Sie drückt mir ein Buch in die Hand. Ich kenne mich nicht ganz aus. Auf einmal taucht zu meiner Rechten ein Mann auf, der mich sehr forsch darauf hinweißt, dass ich das Buch doch öffnen soll, wenn ich will dass mir der Herr Landeshauptmann etwas hineinschreibt. Doch da bin ich auch schon dran. Der Erwin zieht mich zu sich und macht sich das Buch selber auf. Ich sage ihm schnell wer ich bin und frage ihn, ob er jetzt oder später für drei kurze Fragen Zeit hat. „Nein, heute sicher nicht!“, sagt er und drückt mir das Buch in die Hand. Die Frau mit dem gelben Käppi schiebt mich zur Seite und meint ich solle mir ein Hendl holen, es koste eh nichts. Ein bisschen ratlos und enttäuscht verlasse ich das Zelt. Als ich in meinem Auto sitze, fällt mir erst wieder das Buch ein. „Kindheitserinnerungen von Erwin Pröll“ steht auf dem Einband. Ich schlage die erste Seite auf. Ein Polaroidfoto rutscht mir auf den Schoß. Ich und der Erwin, als er gerade etwas in „mein“ Buch schreibt, sind darauf zu sehen. Was er wohl eigentlich geschrieben hat? Ich sehe nach. „Viel Spaß! Erwin Pröll!“, steht da.(Unser aller Vater, Erwin Pröll, war die erste Persönlichkeit, die sich für ein Gespräch mit uns keine Zeit nahm.)









