Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Lehrer - zwei Stunden mehr?

von Marietta Zinner

„Es geht hier nicht um Sparen, sondern um kleinere Klassen, Tagesbetreuung, Sprachförderung. Dafür brauche ich alle meine Lehrer. Und ich brauche noch ein Stückerl mehr Zeit von ihnen bei den Kindern.“, so die SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied.

Seit etwa einem Monat wütet der Streit um Schmieds neueste Idee der Arbeitserweiterung im Bereich der Lehrerschaft. Demnach sollen alle Lehrer  zwei zusätzliche Stunden pro Woche in der Klasse stehen, bei gleichem Gehalt und natürlich ohne jegliche Arbeitsplatzkürzung.
Was Schmied hier als Fortsetzung ihrer 2006 begonnen Bildungsreform zu verkaufen versucht, handelt sich in Wahrheit um eine Einsparungsmaßnahme auf Grund
zu hoher Personalkosten.

Wie alles begann

Am 25. Februar dieses Jahres wurde zum ersten Mal öffentlich bekannt, dass die Bildungsministerin eine Bildungsreform plant, ohne aber dadurch weitere Kosten zu verursachen, die auf Grund der derzeitigen finanziellen Lage vermieden werden müssen. Dies wurde aber nicht im Rahmen einer internen Information verkündet, sondern sickerte durch die Medien und löste einen explosionsartigen Aufschrei der Lehrerschaft aus. Die Gewerkschaft stellte sich sofort mit Streikandrohungen und Protesten quer, bis am 12. März in sämtlichen österreichischen Schulen Dienststellenversammlungen abgehalten wurden (in Pflichtschulen von 12 bis 14 Uhr, in alle höheren Schulen von 8 bis 10 Uhr) zur Besprechung der weiteren Vorgangsweise abgehalten wurden. Ebenfalls machte sich die Besorgnis über etwaige Arbeitsplatzverluste breit, die vor allem die weniger berufserfahrenen Kollegen betreffen würden. Aus dem Mehraufwand des Einzelnen resultiert die Überflüssigkeit vieler Arbeitskräfte. So entstehen aber Zukunftsängste: Bis 2025 sollen nämlich etwa die Hälfte der derzeit im Bildungswesen Beschäftigten in Pension gehen. Dies würde zwar eine Erhöhung der Berufsaussichten im Lehramt für die jetzige Jugend bedeuten, aber wer möchte bei solch drastischen Maßnahmen, Kürzungen und Einsparungen diesen Beruf noch ergreifen? Was die Frage aufwirft, woher man dann die fehlenden Lehrer nehmen soll.
Innerhalb des vergangenen Monats tauchten beinahe täglich neue brisante Fakten bezüglich dieser Diskussion auf; zum Beispiel das diesjährige Schulbudget betreffend. Letztes Jahr wurde jenes, wie sich erst kürzlich herauskristallisierte, wegen einer 200 Millionen Euro teuren Gehaltserhöhung der Pädagogen um 2,7 Prozent überzogen und betrug somit 6,78 Milliarden Euro. Für dieses Jahr ist eine Budgeterhöhung um 600 Millionen auf 7,17 Milliarden Euro vorgesehen. Der Ministerin fehlen trotzdem für die beiden folgenden Jahre in Summe sage und schreibe 525 Millionen Euro. 1440 Euro (durchschnittliches Monatseinkommen eines österreichischen Staatsbürgers) gingen dabei schon an Schmieds Air-Brush-Visagistin.
Bei dem am 20. März stattgefundenen Gespräch zwischen ihr und der Lehrergewerkschaft präsentierte Schmied einen Fünf-Punkte-Plan. Dieser soll die Lehrer von Aufgaben, die nicht direkt den Unterricht betreffen (zum Beispiel administrative Belange), entlasten. Besagter Plan gliedert sich in folgende Punkte:
• Moderne Arbeitsplätze mit modernem Equipment und neue gestalteten Konferenzzimmern
• Verdoppelung der Arbeitsfläche im Konferenzzimmer
• Bessere Arbeitsbedingungen durch kleiner Klassen
• Einrichtung von Arbeitsgruppen zum neuen Dienst- und Besoldungsrecht und zur Stärkung der Schulautonomie
• Mittelfristig eine neue Lehrerausbildung
(Zitat, Die Presse 21.3.2009)
Die Gewerkschaft reagiert auf diese neuen Ideen unterkühlt, sie kann sich die Realisierung solch ehrgeiziger Pläne bis Anfang des nächsten Schuljahres im September nicht vorstellen. Die Ministerin betont aber die Notwendigkeit der Umsetzung ihres Vorhabens, um das Bildungssystem und die Betreuung der Kinder auf einen wettbewerbsfähigen Standard zu bringen.

Reaktionen

Die eigenen Reihen akzeptieren zwar ihre geplanten Neuerungen, tatkräftige Unterstützung erfährt sie hingegen nicht. FPÖ und BZÖ sympathisieren mit den Vorschlagen, die Grünen, offiziell dagegen, sind im Grunde irgendwie doch dafür. Die ÖVP lehnt wie die schwarze Gewerkschaft ebenso strikt die zwei Mehrstunden ab. Kürzlich wurde bekannt, dass die Volkspartei mit einem Mehraufwand der Bildungsbeauftragten einverstanden ist. Dieser soll sich aber so gestalten, dass die Stundenlänge von 50 auf 55 Minuten erhöht wird. Somit ergibt sich bei gleich bleibender Stundenanzahl eine verlängerte Dienstzeit von ebenfalls zwei Wochenstunden. Die gewonnene Zeit wird dann tatsächlich in die Schüler investiert.

Die Reaktionen der Lehrer liegen wohl auf der Hand. Sie sind empört darüber, dass auf solch unverschämte Art und Weise über sie hinweg entschieden wird und dass sie in der Bevölkerung als faule Arbeitsverweigerer dargestellt werden, als Dank dafür, dass sie täglich die Menschen von morgen erziehen, ausbilden und formen. Wie schon in den Dienststellenversammlungen angekündigt, wird vielerorts mit Streik gedroht. Umfragen zufolge sind manche Schulen zu 100 Prozent, andere zu 90 Prozent streikbereit – in beiden Fällen zwar eine eindeutige Äußerung ihres Unmuts, wobei manche es anscheinend für einfacher befinden, den Kopf einzuziehen und dem System keinerlei Widerstand zu leisten.

Klar ist, dass beide Seiten auf ihren Ansichten bestehen und auf Kompromissbereitschaft derzeit noch zu warten ist. Noch ist kein absehbares Ende oder eine Lösung ersichtlich, ob mit Streik zu rechnen ist, wird sich aber höchstwahrscheinlich in den nächsten Tagen klären. Man darf gespannt sein, wie’s weiter geht!

Lehrer - zwei Stunden mehr? - Bild Claudia Schmied (SPÖ) mit Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), der entschlossen hinter ihr steht