Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Stammzellenforschung

von Elisa Hahn

Durch ihre vielseitigen Eigenschaften könnten Stammzellen in der Medizin bald zu einem wichtigen Faktor in puncto Heilung werden. Doch oft ist die Forschung durch Gesetze oder ethische Kontroversen eingeschränkt.

Definition

Stammzelle ist die allgemeine Bezeichnung für Körperzellen, die endlos teilbar und dazu in der Lage sind, sich in jedem Gewebe oder festgelegten Gewebetyp zu entwickeln. Zusätzlich können sie Tochterzellen generieren, welche selbst Stammzellen-Eigenschaften besitzen. Man unterscheidet zwischen embryonalen und adulten Stammzellen.
Embryonale Stammzellen sind pluripotent, das bedeutet, dass sie die Fähigkeit besitzen, sich in den Zellen der Keimbahn auszudifferenzieren. Die Keimbahn beim Menschen ist eine Abfolge von Zellen, die, bei der befruchteten Eizelle beginnend, während der Individualentwicklung zur Bildung der Keimdrüsen und -zellen führt.
Die Gewinnung dieser Zellen für experimentelle Zwecke erfolgt nach der Befruchtung der Eizelle aus der inneren Zellmasse, jedoch ist die Folge, dass der Embryo abstirbt. Embryonale Stammzellen sind in vitro (in künstlicher Umgebung wie einem Reagenzglas oder allgemein außerhalb lebender Organismen) und in vivo (im lebendigen Organismus) fähig, sich sowohl in der Keimbahn  als auch in den 3 Keimblättern auszudifferenzieren. Unter Keimblätter versteht man die erste Differenzierung eines Embryos in verschiedene Zellschichten, aus denen sich weiters unterschiedliche Strukturen entwickeln können.
Adulte Stammzellen sind auch im postnatalen Stadium (nach der Geburt) vorhanden und bilden während der gesamten Lebensdauer des Organismus neue spezialisierte Zellen. Sie kommen in  Gehirn, Leber, Knochenmark, Fettgewebe und Nabelschnur vor.
Sie haben ein deutlich geringeres Selbsterneuerungsvermögen und ein stärker eingeschränktes Differenzierungspotential als embryonale Stammzellen. Verfügbar sind sie in jedem Individuum, ihre Gewinnung erfolgt durch die Progenitorzellen (Vorläuferzellen) im Knochenmark, durch Entnahme des noch in der Nabelschnur oder in der Plazenta befindlichen Blutes.
Eine weitere Möglichkeit zur Gewinnung von Stammzellen besteht durch das allseits bekannte Klonen. Unter diesem Begriff versteht man die Übertragung eines Zellkerns in eine unbefruchtete Eizelle, wodurch ein früher Embryo entsteht, dessen DNA der des ursprünglichen Zellinhaltes entspricht und aus dem embryonale Stammzellen entnommen werden können. Der erste geglückte Tierversuch wurde im Jahr 1997 am Schaf „Dolly“ durchgeführt.

Verwendung in der Wissenschaft

Durch die vielseitige Ausdifferenzierung der embryonalen Stammzellen erhoffen sich viele Wissenschaftler neue Ansätze für die Therapie von z. B. Alzheimer, Parkinson oder Diabetes zu finden und fehlende Zellstrukturen nachwachsen zu lassen. Es besteht die Möglichkeit, dass sowohl angeborene Querschnittlähmungen als auch jene, die Folgen von Unfällen sind, dadurch geheilt werden und zerstörte Organe nachwachsen können. Bei verschiedenen Verletzungen wie Verbrennungen oder Knochenbrüchen könnten die Forscher die Heilungserfolge bei Tierversuchen auf den Menschen übertragen.
Auch in den Bereichen der Pharmazie wären Stammzellen von großer Bedeutung, man könnte an ihnen die Wirkung bestimmter Medikamente besser austesten und somit die Rate der Tierversuche senken.

Medizinischer Meilenstein oder Mord?

Österreich ist eines der wenigen Länder, das die Gewinnung von embryonalen Stammzellen verboten hat, da dieser Eingriff laut der katholischen Kirche Abtreibung ist.
Man sollte sich jedoch die Frage stellen, ab wann ein Mensch ein Mensch ist und ob bei Zerstörung eines Zellhaufens von Tötung überhaupt die Rede sein kann. Von religiös-konservativen Kreisen wird die Ansicht vertreten, dass Embryonen bereits bei ihrer Befruchtung eine Seele besitzen und deshalb  ein Recht auf Leben haben. Das Thema führt zu gespaltenen Meinungen innerhalb der Gesellschaft, da embryonale Stammzellenforschung ein medizinischer Meilenstein sein könnte.
Die Forschung an adulten Stammzellen läuft weitaus besser, da für ihre Gewinnung kein Embryo zerstört werden muss. Dieser Umstand besänftigt auch die katholische Kirche, welche diese Forschung der embryonalen Stammzellenforschung vorzieht. Doch auch wenn man mit adulten Stammzellen schon weit gekommen ist, welche Einsichten würde man erst durch die Forschung an embryonalen Stammzellen gewinnen, die ein weitaus größeres Ausdifferenzierungspotenzial haben? Wenn man nicht auch diese Forschung mehr unterstützt, könnte eine große Chance für die Medizin ungenutzt bleiben.   
Die vielseitige Nutzung von embryonalen Stammzellen erkannte auch der neue US-Präsident Barack Obama und hob die Einschränkungen, die von seinem Vorgänger George W. Bush erlassen worden waren, auf. Diese besagten, dass der Staat keine Bundesmittel für die Forschung zur Verfügung stellte, wenn dabei einem Embryo geschadet wird.  Religiöse Einflüsse verwehrten daher vielen Wissenschaftlern in den letzten Jahren einen möglichen Durchbruch auf diesem Forschungsgebiet. Obama erhofft sich dadurch, die Stammzellenforschung zu verbessern und neue Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen.
In Österreich ist es wie erwähnt verboten, Stammzellen innerhalb des Landes zu gewinnen. Erlaubt ist jedoch die Forschung an importierten Stammzellen. Klonen von Embryo- bzw. Körperzellen, sowie die Erschaffung neuen Menschenlebens aus Stammzellen ist grundsätzlich weltweit verboten, doch Klonen zur Gewinnung embryonaler Stammzellen wird länderweit unterschiedlich gehandhabt. Inwieweit das in der Stammzellenforschung steckende Potenzial nun nutzbar sein kann, wird sich zeigen.

Stammzellenforschung - Bild Sie sorgen weltweit für Diskussionen - Stammzellen

Stammzellenforschung - Bild Am 9. März unterschrieb Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die Erlassung, dass uneingeschränkt an Stammzellen geforscht werden darf.