Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Linz 09

von Florian Steindl

In der Silvesternacht vom 31. Dezember 2008 zum 1. Jänner 2009 wurde mit der Uraufführung der Raketensinfonie von Orlando Gough vor 200.000 Besuchern Linz zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt. Während Linz diesen Titel nun – unter dem Motto „Linz09 – Kulturhauptstadt Europas“ - gemeinsam mit Litauens Hauptstadt Vilnius für ein Jahr lang trägt, sollen in Oberösterreichs Landeshauptstadt etwa 250 kulturelle Veranstaltungen über die Bühne gehen.

Kultur + Industrie = Moderne Kunst?

Linz war lange vor allem als wichtige Industriestadt bekannt. Die moderne Kulturszene, die sich seit den 70er-Jahren entwickeln konnte, will sich durch Linz09 nun auch überregional präsentieren. Die Stadt spezialisierte sich mehr als andere österreichische Großstädte auf moderne Kunst, so wurde zum Beispiel zu Jahresbeginn der Neubau des Ars Electronica Center eröffnet. Dieses Center ist als Museum der Zukunft gedacht – der Schwerpunkt liegt auf elektronischer Musik.
Laut der Homepage von Linz09 habe der Industriestandort Linz in den letzten Jahrzehnten stark an Lebensqualität gewonnen und es wurde immer wieder der Zusammenhang zwischen Kultur und Industrie betont. Die industrielle Vergangenheit der Stadt – zum Beispiel die früher berüchtigte Luftverschmutzung – solle durch kulturelle Veranstaltungen aufgearbeitet werden. Linz fördere schon seit einigen Jahrzehnten die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Kultur und schließe eine Koexistenz von Produktionszentren und einer guten Lebensqualität nicht aus. Inwiefern diese Aussagen zutreffen und ob sich Linz zu unrecht beweihräuchert, wird sich im kommenden Jahr zeigen.

Wen’s interessiert: Organisation und Management

Träger von Linz09 ist eine GmbH mit Namen „Linz09 – Kulturhauptstadt Europas Organisations-G.m.b.H.“. Diese GmbH ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, an der die Republik Österreich, das Bundesland Oberösterreich und die Stadtgemeinde Linz beteiligt sind. Die nötigen Beschlüsse für die Bauprojekte und kulturellen Investitionen wurden von Land und Stadt getroffen. So wurde das Budget von über 50 Millionen Euro, Programmmanagement und –planung, die Koordination und Abwicklung der Veranstaltungen und die erforderliche nachhaltige Infrastruktur beschlossen.

Geschichte: Hitlers Lieblingsstadt

Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland rückte Linz in den Mittelpunkt nationalsozialistischer Machtphantasien. Die Kleinstadt, in der Hitler Teile seiner Jugend verbracht hatte, sollte kulturell und industriell ausgebaut werden und wurde zu einer der fünf „Führerstädte“. Hitler setzte seine utopischen Planungstätigkeiten für die „Heimatstadt Linz“ bis in die letzten Kriegstage fort.
Bereits seit Herbst 2008 ist dieses dunkle Kapitel in Linz’ Vergangenheit Thema einer Sonderausstellung im Linzer Schlossmuseum. Laut Wikipedia kritisieren hierbei manche Besucher die nüchterne Art der Zurschaustellung von Dokumenten, Fotos, alten Filmen und Modellen und dass Hitlers Pläne für Linz zu positiv dargestellt würden. Pikantes Detail: Hitler plante das Schloss, also den heutigen Ausstellungsort, in einen Alterswohnsitz in Form eines deutschen Gutshofs umzubauen.
Es bleibt also zu hoffen, dass die unangenehme Vergangenheit der Stadt in angemessener Weise in Ausstellungen und Veranstaltungen aufgearbeitet und präsentiert, in keinster Weise aber verharmlost wird, um Linz zu einem Mahnmal zu machen, das in ganz Europa auf die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus verweist und ihrer Opfer gedenkt – zumal auch Vilnius, die Partnerstadt von Linz, von 1941 bis 1944 von Deutschland besetzt war und dort mehrere zehntausend Juden ermordet wurden.
Kulturprogramm mit Zwangsbeschallung
Die Kunst soll mit der Vergangenheit und der Zukunft der Stadt verknüpft werden und außerdem lokale und europäische Themen behandeln. Linz will auch mit Wien und den Landesausstellungen kooperieren, um die Nachhaltigkeit der kulturellen Wirkung zu gewährleisten. Das Projekt „Hörstadt“ will dem Besucher die akustische Umwelt einer Stadt näher bringen – mit Zwangsbeschallung in öffentlichen Räumen und dem obligatorischen Verkehrslärm inklusive. Das heurige Programm wird demnach weniger von auswärtigen Künstlern, sondern viel mehr von Kunst an Ort und Stelle geprägt sein.

Und wir?

Laut der Linz09-Homepage (www.linz09.at) wird es zahlreiche Programme für Jugendliche geben. Ein Blick auf eine online verfügbare Programmliste lässt tatsächlich ein reichhaltiges Angebot vermuten: Es gibt musikalische Veranstaltungen, so zum Beispiel ein Treffen der Europäischen Musikschulunion, ein Musikfestival namens „Frischluftklassik“ und mehrere viel versprechende Musikworkshops, über 150 Theaterveranstaltungen im Rahmen des Theaterfestivals „Schäxpir“ und – erraten – Theaterworkshops; auch Veranstaltungen für jüngere Teenager und Kinder muten kompetent, interessant und sehenswert an.

Obligatorisches Fazit

Insgesamt lässt sich mit Sicherheit sagen, dass 2009 ein großes Jahr für Linz werden wird. Es wird sich zeigen, inwiefern die Oberösterreichische Landeshauptstadt die doch recht hochgesteckten Ziele erreichen wird. Die Chance dazu hat dieses ehrgeizige Projekt nämlich allemal. Linz hat die Möglichkeit, die angeschlagene österreichische Kultur- und Medienszene wachzurütteln. In diesem Jahr werden wir erfahren, ob der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ zu recht getragen wird und man es fertig bringt, ganz Europa die österreichische und internationale Kultur näher zu bringen. Oder ob auch dieses Kulturprojekt nach altem österreichischem Brauch zuerst gründlich verpfuscht und danach von der Medienwelt zerrissen wird, um am Ende des Jahres klammheimlich in der Versenkung zu verschwinden. Man darf auf jeden Fall gespannt sein…

Linz 09 - Bild

Linz 09 - Bild Die unangenehme, aber allgegenwärtige Vergangenheit: Adolf Hitler verlässt nach einstündigem Besuch das Landesmuseum Linz