Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Sigur Ros

von Markus Füxl

Islands interessanteste und beste Band lieferte Mitte vergangenen Jahres ihre neueste Platte ab. Ob das Album mit den vergangenen Meisterwerken mithalten kann, wieso der Bassist auch "Weißer Reißzahn" genannt wird und warum selbst die Isländer den Sänger einfach nicht verstehen können, lest ihr hier.

Grundlage

Die Band besteht aus vier Mitgliedern- Jón Ţór Birgisson (Jonsí), Gesang und Gitarre, Georg Hólm (Goggi), Bass, Orri Páll Dýrason, Schlagzeug und Kjartan Sveinsson, Keyboard. Die Namensgeberin ist die Schwester von Jonsí, Sigurrós, welche am Tag der Bandgründung 1994 geboren wurde. Die Band lässt sich grob in Postrock kategorisieren, jedoch ist ihr Stil vielschichtiger und einzigartig.

Genialität = Sigur Rós

Jónsi, der seit seiner Geburt auf einem Auge blind ist, singt seine Lyrics teilweise auf isländisch, teilweise aber auch auf "Vonlenska", einer selbst erfundenen Sprache, welche dem isländischen ähnelt. Bei seinem Gesang verwendet er die Technik des Falsettgesanges, weitläufig als "Kopfstimme" bekannt, bei der die Stimmbänder nur an ihren Rändern schwingen. Jónsi spielt seine Gitarre ebenfalls auf eine unkonventionelle Weise: er verwendet dabei einen Cellobogen. Dadurch entsteht ein sehr weicher und flüssiger Gitarrenklang. Seine Stimme und seine Spielweise bilden das Herz und die Seele der Band.
Wenn Sigur Rós nicht an ihrer Musik arbeiten, zieht sich Jónsi in die Natur von Island zurück. Dort verwendet er einen Teil seiner Freizeit um Steine zu suchen, aus denen er dann xylophonartige Instrumente baut. Ein Hobby des Bassisten, Georg, brachte ihm seinen Spitznamen "White fang" (weißer Reißzahn) ein - er besitzt die Fähigkeit, Forellen mit den Zähnen aus den Flüssen Islands zu fangen.

..und mögen sie endlos spielen!

Nach "Hvarf-Heim" veröffentlichte Sigur Rós Ende Juni 2008 ihr neues Album: "Međ suđ í eyrum viđ spilum endalaust", was übersetzt soviel bedeutet wie "Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos". Das Album kommt beim ersten Durchhören stimmungsvoller und beschwingter denn je daher. Schon beim Opener "Gobbledigook" wird das klar: Singende Kinderstimmen, Akkustikgitarren und die treibende Percussion verbreiten eine fröhliche Stimmung. Diese Stimmung wird mit den nächsten Titeln fortgesetzt; bei "Inně Mér Syngur Vitleysingur" kommen sogar Streichinstrumente, Bläser und eine Art Xylophon vor. Der nächste Track, "Góđan daginn" bremst das Tempo.  Das Hauptmerkmal liegt hier auf einer aus zwei Akkustikgitarren bestehenden Melodie, die durch Keyboardklängen und der hohen Stimme des Sängers unterstützt und erweitert wird. Nach dem nächsten, für Sigur Rós eher untypisch kurzen (drei Minuten) Track, "Viđ spilum endalaust", bei dem der ekstatische, von Orri Páll Dýrason gut unterstützte, Refrain im Mittelpunkt steht, folgt ein Höhepunkt auf dem Album: das neunminütige "Festival". Hier steigern sich ruhige Keyboardklänge und Gesangsstrukturen ab der Hälfte zu einem grandiosen Finale aus treibenden Drums, Streichern und Bläsern.
In der zweiten Hälfte des Albums dominieren ruhige, melancholische Lieder, welche großteils nur aus Klavier, akkustischer Gitarre, Streichern und Gesang bestehen. Das Highlight ist hier "Ára Bátur", welches mit dem London Sinfonietta und dem London Oratory Boy's Choir das aufwändigste Stück darstellt. Es folgen das nur aus Gitarren, Streichern und Gesang bestehende "Illgresi", das auf einer ruhigen Klaviermelodie aufgebaute "Fljótavík" und der kürzeste Track auf dem gesamten Album (knappe 2 Minuten): "Straumnes". "All Alright" bildet einen gelungenen Ausstieg aus dem Album, bei dem Jónsi seine Lyrics erstmals auf Englisch präsentiert.

Fazit

Auf diesem Album musiziert Sigur Rós akkustischer als früher, die mit dem Cellobogen gespielte E-Gitarre wird nur mehr selten verwendet. Die dadurch neu entstandenen Lieder überzeugen weitläufig und stellen eine sehr gelungene Weiterentwicklung der Band dar. Insgesamt betrachtet ist "Međ suđ í eyrum viđ spilum endalaust" nicht ihr bestest Album, jedoch stellt es meiner Meinung nach einen weiteren soliden Felsen in der Brandung der von schlechten und stumpfsinnigen Produktionen überfluteten Musikwelt dar.

Sigur Ros - Bild

Sigur Ros - Bild Eine Szene aus der DVD "Heima"- Sigur Rós bei einem privaten Konzert für Freunde und Verwandte.