Die Trivialisierung der Kunst - Die Kunst der Trivialisierung
von Bernhard Goldnagl"Kunst ist das Fenster, durch das der Mensch seine höhere Fähigkeit erkennt", schrieb der italienische Maler Giovanni Segantini. Heutzutage stellt sich hingegen häufig die Frage, ob man durch dieses Fenster der Kunst nicht eher ins Erdgeschoss sieht.
Um die Frage nach „Kunst oder Kitsch?“ überhaupt erst stellen zu können, muss der Terminus „Triviale Kunst“ zunächst in zumindest zwei Gruppen unterschieden werden.
Zum einen gibt es triviale Kunst, die von ihrem Schöpfer bereits zu diesem Zweck kreiert wird, wie beispielsweise die sogenannte Trivialliteratur. Ohne jegliche Möglichkeit zur Interpretation zu bieten, zielt sie darauf ab, die Meinungen und Einstellungen des Lesers zu bestätigen, anstatt, wie es in der Intention der Hochliteratur liegt, diese kritisch zu hinterfragen.
Der amerikanische bildende Künstler Jeff Koons hat sich dieser Problematik in seinem Werk angenommen. Seine Kunstwerke beruhen zumeist auf alltäglichen Objekten, die, mit Absicht in kitschigem Kontext platziert, durch sexuelle Komponenten entschärft werden. Vor allem seine Serie „Made in Heaven“, für die er sich bei expliziten Handlungen fotografieren ließ, kann sowohl selbstironisch als auch kritisch gegenüber Kitsch und Schundliteratur gesehen werden. Kitsch kann also, absichtlich eingesetzt, von Künstlern als Stilmittel gebraucht werden, um sich in der großen Welt der Kunst und des Kunstmarktes zu bewähren.
Die andere Form trivialer Kunst ist eine trivialisierte, vereinfachte Kunst, die zu großen Teilen aus der Kommerzialisierung von Kunstwerken der Vergangenheit in der heutigen Zeit hervorgegangen ist. Daraus folgernd ist die Trivialität eines Kunstwerks also nicht vom Künstler determiniert, sondern durch ihren Zweck. Dass Kunst, die von ihrer Natur aus kritische, expressive oder appellative Inhalte transportieren möchte, dennoch aus rein kommerziellen Interessen vermarktet wird, wird zunehmend kritisiert.
Wenn Franz Marc wüsste, dass sein „Blaues Pferd“ mittlerweile als Kunststoff-Skulptur per Internet um €198 zu erwerben ist, so wäre er vermutlich nicht sehr erfreut; geht doch hierbei die von ihm postulierte Urheberschaft einer Idee verloren. Die oberflächliche Ästhetik eines Werkes verdrängt zunehmend seine Idee, Hintergründe und Wirkung. Keineswegs aus der Absicht heraus, das Recht auf Kunst einem breiteren Publikum absprechen zu wollen, stellt sich dennoch die Frage, in welcher Form sie der Masse zugänglich gemacht wird.
Der Gründer des Kunstsupermarkt M-Ars hat es sich zu Ziel gemacht, mit diesem „niedrig-schwelligen Zugang zu Kunst für die breite Öffentlichkeit“ das allgemeine Interesse für Kunst und den Bekanntheitsgrad zeitgenössischer Künstler zu steigern. Verkauft werden in der Filiale in Wien-Neubau nur Originale.
Im Gegensatz dazu steht der Kunstversand „ars mundi – Die Welt der Kunst“, in dessen Sortiment sich vornehmlich Repliken bekannter Meisterwerke und antiker Skulpturen sowie zu trivialen Kleidungs- und Schmuckstücken umgewandelte Kunstwerke befinden. Krawatten nach Klimts „Wassernixen“, ein Hundertwasser-Kaffeeservice oder ein „Künstlerteppich“ mit einem Motiv nach Paul Klees „Florentinischem Villenviertel“ mögen zwar schön anzusehen sein, haben aber in ihrer und replizierten und reproduzierten Belanglosigkeit nichts vom früheren Kunstwerk behalten. Der Slogan „Kunst der Welt“ wäre somit, nicht nur aufgrund der korrekten Übersetzung aus dem Lateinischen, eine passendere Lösung.
Dass Reproduktion von Kunst allerdings nicht immer verwerflich ist, hat Andy Warhol, der wohl berühmteste Vertreter der Pop Art, bewiesen. Er betrachtete seine Kunstwerke als Konsumgüter, deren zahllose Vervielfältigungen in verschiedenen Ausführungen einfach einen Teil des Kunstwerks darstellten. Seine Kunst bildete Objekte des täglichen Lebens oder des öffentlichen Interesses ab, auf die jeder Mensch ein Anrecht hat. Die beabsichtigte Trivialisierung seiner Kunst hat also ein eigenes, publikumsorientierteres Genre erschaffen.









