Aktuelle Ausgabe
Nr. 18

Studenten im Audimax

von Bernhard Goldnagl

Seit mittlerweile 21. Oktober sind in mehreren Ländern Europas Hörsäle besetzt, um endlich auf lang vorhandene Missstände im Bereich der Bildung aufmerksam zu machen. Die besetzenden Studenten fordern freie Bildung für alle Menschen ohne von Studiengebühren oder Zugangsbeschränkungen behindert zu werden.

Die Bildenden Künste

Begonnen hat alles mit einem anderen Thema: Am 21. Oktober wurde die Akademie der Bildenden Künste von ihren Studenten besetzt, die sich mit dieser Aktion gegen eine Leistungsvereinbarung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung zur Wehr setzen. Nach dieser Vereinbarung sollen auch in der Akademie die Bachelor- und Masterstudiengänge – entgegen der Entscheidung der Universität – eingeführt werden. Für die Studenten bedeutet dies vor allem eine Vereinheitlichung der Studiengänge, was die Auseinandersetzung mit einer nicht messbaren, weil von der Persönlichkeit des Betrachters abhängigen Sache wie Kunst natürlich  bedeutend einschränkt.
Bald darauf griff der Protest auf andere Universitäten über, was in erster Linie die Besetzung des Audimax am 22. Oktober zur Folge hatte. Die Forderungen der Studenten wurden nunmehr in zahllosen Plenarsitzungen ausgearbeitet und umfassen nun folgende Punkte:

Forderungen

Zum Ersten wird Bildung für eine mündige Gesellschaft verlangt, das heißt, dass jeder Student sein Studium möglichst frei selbst bestimmen kann. Genauer definiert bedeutet das eine gründliche Überarbeitung des Bolognasystems (siehe Box) zugunsten eines weniger rigiden Studienplans mit freien Wahlfächern anstelle der von der EU festgelegten Erweiterungscurricula.
Auch die sogenannten Voraussetzungsketten, die besagen, dass Lehrveranstaltungen in einer gewissen Reihenfolge absolviert werden müssen, stehen einem selbstbestimmten Studium im Weg. Ferner muss die Anrechenbarkeit absolvierter Veranstaltungen in In- und Ausland gewährleistet sein.
Einen großen Stellenwert nimmt die Forderung nach freien Studienplätzen für alle ein. Unter dem Motto „Freier Hochschulzugang und qualitativ hochwertige Lehre sind kein Widerspruch“ verlangen die Protestierenden die Abschaffung der Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger und Langzeitstudierende sowie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen. Um das Problem der überlaufenen Studienrichtungen zu lösen, empfiehlt die Bewegung einen umfassenden Ausbau der Studienplätze.
Demokratisierung der Universitäten – so heißt der 3. Punkt auf der Agenda der Studenten. Darunter versteht man die Schaffung einer demokratischen Organisation der Unis, damit alle Beteiligten (Studenten, Professoren, Personal) gleichberechtigt mitentscheiden können.
Dieselbe demokratische Struktur wird auch bei der Finanzierung gefordert. Transparenz und Mitbestimmung bei der Mittelverwendung sowie die Streichung sämtlicher finanzieller Zugangsbarrieren stehen ebenso auf der Liste.

Reaktion

Der in der Bevölkerung spürbare Unmut über die Besetzung, der großteils mit den Kosten des Unternehmens Audimax gerechtfertigt wird, ist allerdings vielfach auf mangelnde Information zurückzuführen: Studenten haben als Bevölkerungsgruppe ohne gewerkschaftlichen Rückhalt kein Streikrecht, was zwangsläufig zu anderen Ventilen führt. Durch die Besetzung des Audimax und des Hörsaals C1 sowie zahlreiche Veranstaltungen, Protestmärsche, Demonstrationen und Aktionen erhoffen sich die Studenten nun endlich die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, um auf ihre Anliegen hinzuweisen. Den chaotischen Zuständen, die der Aktion oft vorgeworfen werden versuchen die Studenten eigenhändig Herr zu werden: Mit der Gründung zahlreicher Arbeitsgruppen, die sich unter anderem mit der Müllentsorgung in den besetzten Sälen, mit der Verpflegung der Besetzer, Krisenmanagement, Abendgestaltung oder der Herausgabe der Zeitung „Morgen“ (in Anlehnung an eine ebenfalls kostenlose, vom Niveau allerdings kaum vergleichbare Tageszeitung) beschäftigen, sind in der Organisation wichtige Schritte gesetzt.
Ebenso organisiert sind die Plena, in denen großteils sachlich über die Forderungen diskutiert, und basisdemokratisch Entscheidungen getroffen werden. Damit setzen die Studenten ein Beispiel für die Forderung nach mehr Demokratie in den Hochschulen.

Unterstützung

Laut dem Internetportal unsereuni.at sind bereits 34 Universitäten in Deutschland und Österreich besetzt und 4993 Personen ihre Soldiarität zu den Besetzern bekannt. Ebenso stehen zahllose bekannte Gesichter aus Politik und Kultur den Studenten bereits solidarisch zur Seite: Unter anderem unterstützen der ehemalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und die Nationalratsabgeordneten Peter Pilz und Gabriela Moser sowie zahllose Bands und Künstler wie Gustav die Studenten mit einem Besuch.
Nichtsdestotrotz sind auch einige Kritikpunkte anzuführen: Dass alle Forderungen keineswegs realistisch umsetzbar sind wissen die Studenten selbst. Sie verdeutlichen allerdings den Standpunkt und legen eine eindeutige Linie fest. Außerdem muss ja immerhin eine Verhandlungsbasis entstehen, bei der im Zuge der Verhandlungen durchaus von einigen Punkten abgesehen werden kann. Weiters wird oftmals das zu hohe Maß an Alkoholkonsum und Unterhaltung kritisiert, die auf der anderen Seite aber in keinem Bezug zum Arbeitsaufwand der Arbeitsgruppen und Plena darstellt. Und seid mal ehrlich: Würdet Ihr zwanzig Tage in einem riesigen Raum mit tausenden anderen Studenten ohne Privatsphäre und Komfort bleiben wollen, wenn nicht Livemusik zu Eurer Unterhaltung beitragen würde?

Resümee

Mittlerweile haben die Proteste weite Kreise gezogen und sind, wie die Studenten hoffen, drauf und dran, eine generelle Diskussion über das österreichische Bildungswesen auszulösen, dem eine Generalüberholung durchaus gut zu Gesicht stünde.
Dass Wissenschaftsminister Hahn als zuständiges Regierungsmitglied Verhandlungen mit Studenten kategorisch ablehnt und der Konfrontation in seinem Amt als designierter EU-Kommissar zusätzlich aus dem Weg geht, ist einem Ende der Besetzung ebenso wenig zuträglich wie das generelle Unverständnis der Bevölkerung, deren mediale Aufmerksamkeit großteils allein der meistgelesenen Tageszeitung Österreichs gilt. An den Studenten liegt es jedenfalls nicht.

Studenten im Audimax - Bild

Studenten im Audimax - Bild