Päpstin Johanna
von Stefanie RusEine Schande für das Christentum - eine Frau auf dem Heiligen Stuhl. Oft schon war die sagenumwobene Päpstin Johanna in den Medien, jedoch wird sie von der katholischen Kirche vehement bestritten. Ein weiblicher Papst - unfassbar?!
Historiker, Mystiker und Religionswissenschaftler munkeln seit Jahren über die Existenz eines gelehrten Kirchenträgers, der ambitionierten Päpstin Johanna. Die Beweisfindung dafür ist schwierig, da die Legende aus dem „dunklen Zeitalter“, also aus der Zeit um das 9. Jahrhundert stammt. Starke Indizien sind vorhanden, wegen mangelnder zeitgenössischer Dokumentionen ist aber keine absolute Wahrheitsfindung möglich. Der Legende zufolge handelt es sich um eine im deutschen Ingelheim geborene, hochintelligente und wissbegierige junge Frau. Sie soll in der kirchlichen Hierarchie immer weiter aufgestiegen und schließlich am Stuhl Petri selbst Platz genommen haben. Bis zu dem Tag, nach zweieinhalbjähriger Amtszeit, als sie während einer Prozession durch Rom auf der Via Sacra ein Kind gebar und daraufhin vom Volk gesteinigt wurde.
Erwähnung in den Chroniken
Es gab de facto Zeiten, wo Johannas Name in den Chroniken enthalten war. Der erste Bibliothekar der moderneren Vatikanischen apostolischen Bibliothek, Bartolomeo Platina, erwähnte im 15. Jahrhundert in einer seiner Papstchroniken einen „Giovanni femina“, also einen weiblichen Johannes. Da das Buch vernichtet wurde, existiert in logischer Folge auch der wertvolle Inhalt nicht mehr – sehr wohl aber die Diskussion, ob die Aufzeichnung nun richtig war oder es sich um eine nichtssagende Legende handelt. Auch liegt in Rom eine geheimnisvolle Bilderreihe vor, deren Figuren weibliche Gesichtszüge haben und die Legende sehr detailgetreu wiederzugeben scheinen und somit auch ein Zeichen für eine Päpstin darstellen könnten. Kirchenhistoriker weisen auf eine Fehldeutung hin, es soll sich um ein Madonnen-Abbild handeln.
Beweismaterial?
Der Großteil historischer Anhaltspunkte wird von Büchern oder anderen Textdokumenten erbracht. Wovon aus dieser Zeit wiederum sehr wenige existieren: Grund dafür sind die Bücherverbannungen und –verbrennungen, ein akribisches Verschwindenlassen der Beweise. Oft sogar vom höchsten Würdenträger selbst angeordnet, wollte die Kirche doch nicht die Blamage über sich ergehen lassen, sich beim Geschlecht ihres Papstes getäuscht zu haben. Frauen waren nichts wert, wurden als minderwertiges und unterlegenes Geschlecht betrachtet, ohne Recht auf Eigentum oder hohe Ämter, und schon längst durfte es keine Päpstin geben. Ein interessantes Zeugnis ist ein spezieller Thron - von den Museen und Ausstellungen natürlich ferngehalten - auf dem sich spätere Päpste bis ins 17. Jahrhundert einer Art Geschlechtstest unterziehen mussten. Es handelt sich hierbei um einen Stuhl mit einem großen Loch in der Sitzfläche, durch das ein junger Kardinal das Geschlecht des Darauf sitzenden ertasten musste. Hätte man solch eine Überprüfung eingeführt, wenn man nicht an die Existenz einer Päpstin geglaubt hätte? Eher ein Indiz dafür, dass selbst die Kirche das Pontifikat der Johanna als historische Tatsache akzeptierte. Der Stein wurde von dem französischen Dominikaner Jean de Malley (auch de Mailly) ins Rollen gebracht, der 1250 über die Legende berichtete. Eine weitere Quelle bietet eine Chronik aller Päpste und Kaiser von Martin von Polen (auch von Troppau), ein Dominikaner und päpstlicher Kaplan, von dessen Aufzeichnungen es aber mehrere Fassungen gibt, die große Unterschiede aufweisen, wodurch sie natürlich an Glaubwürdigkeit verlieren. Er schrieb, dass die Deutsche Johanna von Ingelheim als Johannes Anglicus den Thron Petri bestiegen hatte. Dieses Beweisstück entstand aber erst um 1270, also nicht zeitgemäß. Abgängig sind in beiden Fällen genaue Quellenangaben. Alle anderen Artefakte, in denen sie erwähnt war, wurden systematisch zerstört.
Inkognito im Kloster
Doch wie kann es eine Frau überhaupt schaffen, sich im Kloster zu etablieren und unbemerkt den Papstthron zu besteigen? Die Legende besagt, dass sich Johanna, als Junge verkleidet, in ein Kloster schlich und dort alle strengen Regeln, wie das angekleidete Schlafen, befolgte. Des Weiteren ist bewiesen, dass die Menschen damals unter Mangelernährung litten, was ihr durch fehlendes Brustgewebe, das ja Großteils aus Fettzellen besteht, zu einem männlicheren Aussehen verhelfen hätte können. Versteckt in diesem Kloster soll sie dann mit einem Mönch, dessen Name nicht überliefert ist, eine Affäre begonnen haben, ein Umstand der bald aufflog, woraufhin Johanna das Kloster fluchtartig verlassen musste, nach Athen zog und sich dort in der Rangordnung weiter hocharbeitete, bis sie, mit dem höchsten Kirchenamt bekleidet, wieder nach Rom zurückkehrte.
Ein Mysterium
Für die Forscher und Wissenschaftler bleibt es ein Rätsel, ob je ein genauer Nachweis der Päpstin Johanna auftaucht. Es existieren Quellen, das steht außer Frage – doch sind viele davon erst mehr als 400 Jahre später verfasst worden und somit nicht zeitgenössisch. Es könnte sich um simple Fälschungen handeln. Vermutet wird auch eine Parodie oder ein zynischer Angriff auf den aufgrund seiner Weichheit bekannten Papst Johannes VIII respektive eine Erinnerung an die Herrschaft der Theodora und Marozia im 10. Jahrhundert. Nützlich wurde die Geschichte der Johanna in der Reformationszeit als Mittel im Kampf gegen das Papsttum und als Hauptargument für berühmte Redner wie Jan Hus in Fragen über die Papstgewalt. Eine verbreitete Legende mit wahrem Kern, oder doch nur ein Märchen?









